Ministerin lehnt Handy-Verbote an Schulen ab

In der Diskussion: Handy-Verbote an Schulen in Schleswig-Holstein
In der Diskussion: Handy-Verbote an Schulen in Schleswig-Holstein
Beim NDR habe ich gerade einen Beitrag zur Debatte um Handy-Verbote an Schulen in Schleswig-Holstein gelesen. Da dieses Thema auch in Niedersachsen und auch in unserem Landkreis von Bedeutung ist, gebe ich hier einen persönlichen Kommentar zu dieser Meldung wieder. Bitte nutzen Sie das Kommentarfeld für Ihre Ansichten zu diesem Thema.

Handy-Verbote an Schulen
Die Smartphonewelle rollt seit wenigen Jahren mit großer Kraft durch unsere Gesellschaft. Die Geräte sind digitalen Zauberstäben gleich Tausendsassa, die unser Leben sowohl bereichern als auch beeinträchtigen können.
Wer aufmerksam die deutschen (1, 2, 3, 4) und internationalen (1, 2, 3) Studien zum Smartphonegebrauch von Schülerinnen und Schülern verfolgt hat, die in den letzten Jahren erschienen sind, weiß, welche Folgen die Smartphonenutzung haben kann.

Man weiß aber auch, dass gute Schüler in der Regel die Vorteile der Geräte nutzen, während schlechtere Schüler den Geräten regelrecht verfallen können. Aber was braucht man Studien, wenn man zunehmend erlebt, wie Menschen ihre Aufmerksamkeit den Smartphones so sehr widmen, dass das Fahrrad per Gehör gelenkt wird, das Auto meterweit im Blindflug über die Straßen fährt, Kinder mit den Geräten in der Hand bequem geparkt werden, Eltern mit den Geräten in der Hand kaum noch wahrnehmen, welche Bedürfnisse ihre Kleinen gerade ausdrücken u.s.w.

Wo ist das Problem?
Das Problem in den Schulen sehe ich nicht beim Cybermobbing, nicht beim Sexting, nicht beim Happy Slapping. Wofür ist die Pause da? Zum Hinsetzen und Whatsappen? Zumindest die jüngeren Schüler sollten sich auch bewegen, Sauerstoff tanken, die Zeit für’s Essen und den Toilettengang nutzen und vor allem mit ihren Klassenkameraden interagieren. Reale Sozialkontakte sind so viel wichtiger für ein sich entwickelndes Kind, als die verführerischen, das Belohnungssystem kitzelnden virtuellen Kontakte. Gerade wenn wir unsere Kinder in Ganztagsschulen schicken, darf die Entwicklung des Sozialverhaltens nicht zu einer zweidimensionalen Angelegenheit werden.

Was ist mit den Jungs, die so gerne spielen? Jetzt endet der Aufenthalt als Held in fremden Welten nicht mit dem Kabel im Zimmer. Jetzt kann ich meine Abenteuer mit in die Schule tragen. Wie wach ist der Geist im Unterricht, wenn ich mich auf das Zocken in der Pause freue? Wie motiviert bin ich für drögen Lernstoff, wenn ich gerade eine Schlacht geschlagen oder ein wichtiges Match gewonnen habe?

Wie verfolge ich einen komplizierteren Gedanken, wenn mich das Surren in meiner Hosentasche immer wieder auf den Ausgangspunkt zurückwirft?

Lösungen
Ganz richtig: Ein Handyverbot ist wohl nicht die beste Lösung. Die beste Lösung ist eine lebendige Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern. Wenn Schüler und Lehrer sich mit den Wirkweisen von Spielen, social networks und anderen digitalen Versuchungen beschäftigen, werden Schüler zur Selbstreflektion befähigt. Dann können sich die Schul-Lebensgemeinschaften selbst Ziele (oder Regeln) vorgeben, wie hoch die digitale Dosis im Schulalltag sein darf.

Auch ein maßvoller Einsatz der Geräte im Unterricht wäre sinnvoll, um den digitalen Rückstand unser Schüler (ICIL Studie 2013) aufzuholen. All dies erfordert aber enorme Kraftanstrengungen der Lehrkräfte und Schulen und es ist nicht selbstverständlich, dass Schulen dies leisten können. Eine signifikante Unterstützung der Kultusministerien in dieser Sache ist mir nicht bekannt. Denn es geht nicht um noch mehr PCs oder Tablets für die Schulen, sondern um Ausbildung der Lehrer und thematische Berücksichtigung in den Curricula.

Deshalb ist die zweitbeste Lösung auch tatsächlich das Handy-Nutzungs-Verbot an der Schule. Können Schulen nicht die Ressourcen für eine umfassende Medienpädagogik aufbringen, dann ist es besser den Zauberstab in der Tasche zu lassen. Zumindest jüngere Schüler, die die Folgen ihres Handelns weniger absehen können, als die Schüler höherer Klassen, sollten in der Schule einen ungestörten Lebensraum vorfinden. Die Lösung ist einfach und hilft den Schülern. Eine Nutzungserlaubnis in der Mittagspause an bestimmten Orten könnte an Ganztagsschulen den Druck bei digitaler Sehnsucht vermindern.

Gar keine Lösung ist es, die Nutzung einfach so zuzulassen und sich nicht darum zu kümmern, was dann wohl sein wird. Wer so verfährt, wird einen nicht unerheblichen Teil der Schülerschaft verlieren. In unterschiedlichen Graden werden dann die Schlagworte der Mahner, die digitale Demenz, der digitale Burnout, die digitalen Junkies ihre Anwendung finden.

Jan Herrmann

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