Digitalisierungsprogramm der Landesregierung für Schulen: Kopflos und teuer

Die HAZ verkündet vorab einen Masterplan Digitalisierung für Niedersachsen, den Wirtschaftsminister Althusmann nächsten Dienstag in Gänze präsentieren möchte. Auch für die Schulen enthält der Masterplan Gewichtiges. Im Raum steht, dass Eltern für ihre Kinder verpflichtend Laptops anschaffen müssen. Es ist zu befürchten, dass wenig fundierte Konzepte zur digitalen Bildung vorschnell eingeführt teuer für Kommunen und Eltern werden. Ein Mehrwert für Schülerinnen und Schüler ist dabei nicht in Sicht. Unsere Kinder sollen richtig auf die digitalen Herausforderungen vorbereitet werden. Dazu brauchen wir als erstes ausreichende und gut ausgebildete Lehrkräfte. Bestätigen sich diese Planungen müssen Eltern sich dagegen wehren.

Hinweis: Diese Thematik wurde (noch) nicht im Kreiselternrat diskutiert. Dieser Text stellt also keine Äußerung des Kreiselternrates dar. Vielmehr handelt es sich um einen persönlichen Debattenbeitrag von Jan Herrmann. Anmerkungen sind willkommen.

Was ist da nur los im Land? Immer wieder ruft einer „Digitalisierung“ und rundherum gehen die Laola-Wellen durch die Orte. Nun soll es einen „Masterplan Digitalisierung“ für das Land Niedersachsen geben, in dem die Schulen ihr digitales Fett wegbekommen. Es geht um eine verpflichtende Anschaffung von digitalen Endgeräten auf Kosten der Eltern in den weiterführenden Schulen weiß die Hannoversche Allgemeine Zeitung. Der Wirtschaftsminister Althusmann (sic!) stellt diesen Plan nächste Woche vor. Die Tech-Branche schwingt die Sektgläser. Der Landeselternrat empört sich zurecht wegen der Kosten, die auf die Eltern zukommen.

Die Zukunft?

Doch nicht so kopflos?

Kultusminister Tonne glättet die Wogen mit seiner Pressemitteilung vom 17. August zunächst. Er verweist auf das Ziel, „dass Kinder und Jugendliche lernen, verantwortungsbewusst und reflektiert mit digitalen Endgeräten wie zum Beispiel Tablets und Smartphones umzugehen.“ und spricht davon, dass tragfähige Unterrichtskonzepte Voraussetzung sind, „um den kompetenten Umgang mit digitalen Medien nachhaltig zu unterstützen.“ Das ist tatsächlich ein Ziel ersten Ranges, ich halte es allerdings für eine sehr gewagte Aussage, wenn er feststellt: „Hier sind wir auf einem guten Weg.“ Denn die Faszination dieser Geräte und der Anwendungen (insbesondere Spiele und Social Media) führen zu starker Ablenkung und zeitlich problematischer Nutzung bei einer großen Zahl von Schülerinnen und Schülern. Ein kritisches, reflektiertes Medienverhalten ist bei einer Mehrheit der Schülerinnen und Schüler nicht festzustellen. Wenn wir auf einem guten Weg sind, hat der Kultusminister wahrscheinlich einzelne, digital engagierte Schulen im Auge. Für die Mehrheit der niedersächsischen Schulen sehe ich noch gewaltige pädagogische Kraftanstrengungen auf die Lehrerinnen und Lehrer zukommen. Das gilt allerdings ebenso für die Eltern, die vielfach noch nicht erkannt haben, dass man sich in der Erziehung aktiv mit der Digitalisierung auseinandersetzen muss.

Bring Deine Spielekonsole mit in die Schule (Bring Your Own Device)

Schülerinnen und Schüler müssen lernen, wann die Geräte sinnvoll sind und wann nicht. Bild: Intel Free Press, CC-BY-SA 2.0
Beruhigend ist die Aussage, dass es doch nicht holterdipolter zugehen soll, wie die Information der HAZ es vermuten lässt. Minister Tonne schreibt „Erst in einem Folgeschritt lässt sich die Einführung von persönlichen digitalen mobilen Endgeräten in weiterführenden Schulen sachgerecht und flächendeckend umsetzen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass in Niedersachsen seit langem mit dem Ansatz ‚Bring Your Own Device‘ geplant wird. Das bedeutet nichts anderes, als dass Schülerinnen und Schüler ihr eigenes digitales Endgerät im Unterricht einsetzen können.
Ahaa, es geht der Landesregierung also doch nicht um Laptops als verpflichtendes Schulgerät, sondern um Smartphones. Während Laptops zwar als „richtige Computer“ mehr Sinn für das Erlernen der Themenkomplexe Programmierung, Gestaltung, Text- und Datenverarbeitung machen würden, haben Smartphones den Charme für das Kultusministerium, dass diese zu fast 100% bei Jugendlichen verbreitet sind (FEIERABEND et al. 2017).
Nun ist das aber so, dass die BYOD-Modelle mit Smartphones allerhand Probleme mit sich bringen. Gut ausgebildete Lehrer müssen mit den verschiedenen Betriebssystemen (v.a. iOS und Android in verschiedenen Versionen) umgehen können, die über WLAN an das Schulnetz angebunden werden sollen. Gleichen sich die verwendeten Apps auf den Geräten? Kann die Lehrkraft Unterschiede ausreichend berücksichtigen? Lassen sich die zahlreichen Geräte mit „Spider-Apps“ noch im Schulunterricht nutzen? Aber vor allem, kann die Lehrkraft die hintere Reihe mit den Jungs bei der Stange halten, auf deren Geräten – nur einen Wisch entfernt – eine Runde Bumper oder Clash Royale läuft? Die zweijährige Hamburger BYOD-Studie (KAMMERL et al. 2016) kommt zu dem ernüchternden Resultat: „Es gibt keine Hinweise, dass die Schülerinnen und Schüler durch die Nutzung der Smartphones und anderer persönlicher Endgeräte innerhalb des Untersuchungszeitraums signifikant höhere Kompetenzniveaus erreichen konnten.“

Bildungsgerechtigkeit geht anders

Großen Wert legt Kultusminister Tonne auf die Bildungsgerechtigkeit: „Dabei ist völlig klar: Eine digitale Zweiklassengesellschaft wird es in den niedersächsischen Schulen nicht geben. Schülerinnen und Schüler, die aufgrund ihres sozial-ökonomischen Hintergrundes kein persönliches Endgerät besitzen, werden wie auch schon bisher in vergleichbaren Situationen bei der Beschaffung unterstützt.“ Leider gab es diese Unterstützung „wie auch schon bisher“ eben nicht. Es ist heute immer noch nicht klar, wie nach Bildungs- und Teilhabepaket geförderte Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse an Gymnasien und Gesamtschulen die verpflichtend anzuschaffenden grafikfähigen Taschenrechner bezahlen sollen. Die um 100 Euro teuren Geräte sind weder im Bildungs- und Teilhabepaket enthalten, noch einfach so dem Regelsatz nach SGB II zu entnehmen. Wenn hier nicht die Schulen, Lehrerinnen und Lehrer, Elternvertreter und Fördervereine individuell aushelfen würden, säßen die betroffenen Kinder auf dem Trockenen. Sollen noch teurere Geräte verpflichtend für den Unterricht angeschafft werden, ist das ein Votum gegen Bildungsgerechtigkeit (siehe auch ‚Schulmaterial viel teurer als gedacht‘). Und wie häufig wären diejenigen, die mit einem Einkommen nur knapp über dem Regelsatz durch’s Leben kommen müssen, aber keinen Anspruch auf Förderung haben, besonders betroffen.

Wir brauchen digital kompetente Schülerinnen und Schüler

Es gibt noch kein Erfolgskonzept für eine digitale Schule, die überall funktioniert. Was hilft teure Technik, wenn kein Lehrer, keine Lehrerin diese Geräte so einsetzen kann, dass der Unterricht wenigstens das gleiche inhaltliche Niveau erreicht wie der klassische Unterricht?
Wir brauchen zunächst Klarheit darüber, was Digitalisierung in Schulen bedeuten soll. Brauchen wir die Geräte, um den Schülerinnen und Schülern bei Programmierung, Gestaltung, Daten- oder Textverarbeitung Fertigkeiten zu vermitteln, oder brauchen wir sie um eine erfolgreichere Lehre anzubieten? Ersteres können wir auch mit geringen Anforderungen und wenigen schuleigenen Geräten bewerkstelligen. Bei digitaler Lehre muss zunächst darauf geschaut werden, ob diese überhaupt den klassischen Methoden überlegen ist. Und wenn sie das in Einzelfällen sein sollte, dann muss man sehen, ob die Kosten – finanziell und ökologisch –  im Verhältnis zu diesem Mehrwert stehen.
Und wer kann diese Bewertung vornehmen? Das sind natürlich die Lehrerinnen und Lehrer, die tagtäglich damit beschäftigt sind, aus all den ihnen zur Verfügung stehenden Methoden, diejenigen auszuwählen, mit denen Schülerinnen und Schüler die besten Lernerfolge erzielen.

Nicht die besten (und teuersten) Geräte bereiten unsere Kinder am besten auf die Zukunft vor, sondern die besten Lehrerinnen und Lehrer.

Es wird oft der Anschein vermittelt, dass Digitalisierung, die Lösung aller Zukunftsfragen bedeutet. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass weiterhin die klassischen Kulturtechniken wie das Lesen oder Rechnen an erster Stelle stehen müssen. Die IGLU Studie 2016, veröffentlicht im Dezember 2017, zeigt, dass beim Lesenlernen engagiert nachgebessert werden muss. Und die Beschwerden der Arbeitgeber und Universitäten über die Mathematikkenntnisse unserer Absolventen zeigen auch hier Nachholbedarf. Zwei Disziplinen, die übrigens auch von höchster Bedeutung für eine digitale Kompetenz sind. Und es sollte jedem bewusst sein, welchen enormen gesellschaftlichen Wert die Schulen haben, die durch ihre musikalischen, sportlichen, schauspielerischen, naturwissenschaftlichen oder z.B. ökologischen Ausrichtungen junge Menschen bilden. Die Vorbereitung auf die digitalen Anforderungen ist eine wichtige, aber im Verhältnis der Bildungsziele nur kleinere Aufgabe, der andere Leistungen der Schule nicht zum Opfer fallen dürfen.

Die erwähnte IGLU-Studie 2016 hat ergeben, dass fast zwanzig Prozent unserer zehnjährigen Kinder nicht sinnentnehmend lesen können. Die in der letzten Woche gestartete Kampagne zur Förderung des Lesenlernes gerät in Niedersachsen nun unter die Aufmerksamkeitsräder. Das was hier mit der öffentlichen Diskussion passiert, darf nicht für die Entwicklung an unseren Schulen stehen. Wie sorgen wir für die Zukunftsfähigkeit unserer Kinder, wenn nicht dadurch, dass sie alle ordentlich lesen lernen können. Hier gehört das Geld als erstes hin, wie die Kinderbuchautorin Kirsten Boie zusammen mit prominenten Unterstützern zurecht fordert.

Literatur

FEIERABEND, SABINE, THERESA PLANKENHORN und THOMAS RATHGEB (2017):
JIM 2017. Jugend, Information, (Multi-) Media Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland.
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs), Stuttgart: 68 S.

KAMMERL, RUDOLF, ALEXANDER UNGER, SILKE GÜNTHER und ANJA SCHWEDLER (2016):
BYOD – Start in die nächste Generation. Abschlussbericht der wissenschaftlichen Evaluation des Pilotprojekts.
Universität Hamburg, Hamburg: 151 S.

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